In großen Industrieanlagen wie der Eisen- und Stahlindustrie, dem Bergbau und der chemischen Industrie werden Wechselstrommotoren mit Leistungen von mehreren hundert Kilowatt bis zu mehreren Megawatt häufig eingesetzt. Ihr Anlaufvorgang erfolgt jedoch selten direkt mit voller Spannung; stattdessen werden in der Regel Sanftanlaufgeräte verwendet. Warum können so große Wechselstrommotoren nicht wie kleine Haushaltsmotoren direkt mit Strom anlaufen? Welche entscheidende Rolle spielt der Sanftanlauf beim Anlaufvorgang?
Der Hauptgrund, warum große industrielle Wechselstrommotoren Sanftanlaufgeräte benötigen, liegt im Widerspruch zwischen ihren Anlaufeigenschaften und dem industriellen Stromversorgungssystem. Sanftanlaufgeräte beheben die vielfältigen Gefahren, die durch den Anlauf mit voller Spannung entstehen, indem sie die Anlaufparameter sanft anpassen. Diese Parameter lassen sich aus drei Perspektiven analysieren: dem Motor selbst, dem Stromversorgungssystem und dem Produktionsprozess.
1. Unterdrückung des Anlaufstroms und Schutz der Motorwicklungen und der Isolierung.
Der Anlaufstrom (auch Einschaltstrom genannt) eines Wechselstrommotors beträgt das 5- bis 7-Fache seines Nennstroms. Diese Eigenschaft beruht auf dem elektromagnetischen Prinzip beim Anlauf: Beim Anlauf dreht sich der Rotor noch nicht, die Drehzahl, mit der die Statorwicklungen das Magnetfeld schneiden, ist null, und es kann keine induzierte Gegenspannung aufgebaut werden. In diesem Moment begrenzt der Wicklungswiderstand den Strom nur, und der Gleichstromwiderstand der Motorwicklungen ist üblicherweise extrem gering, was zu einem sprunghaften Stromanstieg führt. Bei kleinen Motoren (wie beispielsweise Lüftermotoren mit einigen hundert Watt) verursacht dieser kurzzeitige Einschaltstrom keine erkennbaren Schäden. Bei großen Motoren hingegen sind die Wicklungsdrähte dicker und haben mehr Windungen, und der hohe Einschaltstrom erzeugt eine starke elektrische Kraft, die zu Wicklungsverformungen und lokalen Durchschlägen der Isolationsschicht führen kann. Gleichzeitig lässt die thermische Wirkung des Stroms die Wicklungstemperatur schlagartig ansteigen, was die Alterung der Isolation beschleunigt und die Lebensdauer des Motors verkürzt.
Sanftanlaufgeräte erhöhen die Spannung an den Statorwicklungen des Motors schrittweise über leistungselektronische Bauteile wie Thyristoren und IGBTs. Dadurch steigt die Rotordrehzahl langsam an und die Gegen-EMK baut sich entsprechend allmählich auf. Der Anlaufstrom wird somit auf das 1,5- bis 2,5-Fache des Nennstroms begrenzt, wodurch Schäden an Motorstruktur und Isolation durch Stromstöße vermieden werden.
2. Die Netzspannung stabilisieren und die Funktionsfähigkeit anderer Geräte nicht beeinträchtigen.
Der Anlaufstrom großer industrieller Wechselstrommotoren kann Tausende oder sogar Zehntausende Ampere erreichen. Ein solch hoher Strom verursacht einen signifikanten Spannungsabfall an der Impedanz der Versorgungsleitung. Gemäß dem Ohmschen Gesetz berechnet sich der Spannungsabfall ΔU = I × R (I ist der Anlaufstrom, R die Leitungsimpedanz). Ein starker Spannungsabfall innerhalb kurzer Zeit führt zu einem plötzlichen Einbruch der Netzspannung in der gesamten Werkstatt oder sogar im gesamten Fabrikgelände. Diese Spannungsschwankung hat schwerwiegende Auswirkungen auf andere Geräte im selben Stromnetz: Präzisionsinstrumente können Messfehler aufweisen oder aufgrund der instabilen Spannung ausfallen; Beleuchtungssysteme können plötzlich schwächer werden; andere Motoren können aufgrund unzureichender Spannung blockieren und die Wicklungen durchbrennen. In industriellen Umgebungen mit empfindlichen Lasten (wie SPS-Steuerungen und Frequenzumrichtern) können starke Netzspannungsschwankungen auch zu Störungen in den Steuerungssystemen und zu Produktionsausfällen führen.
Durch die sanfte Anpassung der Ausgangsspannung bewirkt der Sanftanlauf, dass der Anlaufstrom langsam ansteigt. Dadurch wird die Belastung des Stromnetzes durch den Anlaufstrom effektiv reduziert, der Spannungsabfall im zulässigen Bereich (üblicherweise nicht mehr als 10 %) gehalten und die Stabilität der Netzspannung sowie der normale Betrieb anderer elektrischer Geräte sichergestellt.
3. Mechanische Einwirkungen verringern und Getriebesystem sowie Produktionsprozess schützen
Große Wechselstrommotoren treiben üblicherweise schwere Lasten wie Ventilatoren, Wasserpumpen, Brecher und Förderbänder an. Beim Anlauf unter Vollspannung schnellt die Motordrehzahl sprunghaft von Stillstand auf Nenndrehzahl hoch, was zu starken mechanischen Belastungen der angeschlossenen Anlagen führt. Diese Belastung wirkt auf Getriebekomponenten wie Kupplungen, Getriebe und Lager und verursacht starken Verschleiß, Lockerung oder sogar Bruch der Bauteile. Dies erhöht die Wartungskosten und die Ausfallzeiten der Anlagen. Gleichzeitig beeinträchtigt die mechanische Belastung auch die Stabilität des Produktionsprozesses: Beispielsweise kann in der chemischen Produktion der plötzliche Anlauf einer Wasserpumpe einen abrupten Druckanstieg in der Rohrleitung verursachen, der zu Rohrbrüchen oder Leckagen führen kann; im Bergbau kann der plötzliche Aufprall eines Brechers Materialblockaden verursachen und die Produktionseffizienz beeinträchtigen.
Der Sanftanlauf sorgt dafür, dass die Motordrehzahl sanft von 0 ansteigt und die Lastgeräte entsprechend langsam anlaufen. Dadurch werden mechanische Stöße vermieden, die Lebensdauer des Getriebesystems verlängert und die Kontinuität und Stabilität des Produktionsprozesses gewährleistet.
Zusammenfassung
Der Sanftanlauf von großen industriellen Wechselstrommotoren ist kein entbehrliches Hilfsgerät, sondern eine zentrale Komponente, um den Widerspruch zwischen den Anlaufeigenschaften des Motors und den Anforderungen des industriellen Systems zu lösen. Durch seine drei Hauptfunktionen – Unterdrückung von Stromstößen, Stabilisierung der Netzspannung und Dämpfung mechanischer Stöße – schützt er nicht nur den sicheren Betrieb des Motors und der zugehörigen Anlagen, sondern gewährleistet auch die Stabilität des Produktionsprozesses. Er ist eine wichtige Voraussetzung für den sicheren und effizienten Betrieb von Wechselstrommotoren in großen Industrieanlagen.




